Wie groß ist die Bedrohung durch KI-Betrug in Deutschland? Nach einer repräsentativen Befragung von BSI und Polizeilicher Kriminalprävention aus Januar 2026 hält mehr als die Hälfte der Bevölkerung Schockanrufe mit geklonter KI-Stimme für eine realistische Bedrohung (54 Prozent). Das Bundeskriminalamt zählt für 2025 bei Enkeltrick und Schockanrufen 4.798 Fälle und 49 Millionen Euro Schaden – KI-Stimmen machen solche Maschen glaubwürdiger.
Unter KI-Betrug fallen alle Betrugsmaschen, bei denen Täter Künstliche Intelligenz einsetzen – vom Stimmenklonen für den Enkeltrick über Deepfake-Videos Prominenter bis zu maßgeschneiderten Phishing-Mails. Das Besondere: Die Fälschungen klingen und sehen inzwischen so echt aus, dass die klassischen Warnsignale wie Rechtschreibfehler oder unscharfe Bilder weitgehend wegfallen.
KI-Betrug: Die Lage in Deutschland
Die offiziellen Zahlen liefern den Gesamtkontext: Das Bundeskriminalamt registrierte 2025 rund 335.000 Fälle von Cybercrime im engeren Sinne. Etwa zwei Drittel davon (207.888) wurden aus dem Ausland oder von unbekannten Tatorten aus begangen. Den Schaden für die deutsche Wirtschaft beziffert die Behörde im Bundeslagebild Cybercrime 2025 auf geschätzt 202,4 Milliarden Euro – rund 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zugleich stellt das BKA fest, dass KI-basierte Werkzeuge im Bereich Cybercrime an Bedeutung gewinnen: Kriminelle nutzen sie, um Angriffe schneller, gezielter und professioneller durchzuführen.
Wie verbreitet KI in deutschen Unternehmen und im Alltag inzwischen ist, zeigt unser Artikel KI in Deutschland 2026: Zahlen, die man kennen sollte.
Enkeltrick 2.0: Fälle, Beute, KI-Stimmen
Besonders deutlich wird der KI-Effekt beim klassischen Telefonbetrug. Die BKA-Statistik für 2025 zeigt ein zweigeteiltes Bild:
- Falsche Polizisten: 4.646 erfasste Fälle und 49,5 Millionen Euro Schaden – nach 3.946 Fällen und 30,1 Millionen Euro im Jahr 2024.
- Enkeltrick und Schockanrufe: nur noch 4.798 Fälle (2024: 6.658), aber mit 49,0 Millionen Euro eine höhere Beute als im Vorjahr (46,4 Millionen Euro).
Die Täter erbeuten also pro erfolgreichem Anruf deutlich mehr als früher. Das Bundeskriminalamt warnte im August 2026 erneut vor KI-gestützten Betrügern: Moderne Anwendungen könnten Stimmen von Angehörigen täuschend echt simulieren und so den emotionalen Druck bei Schockanrufen verstärken. Eine kurze Sprachnachricht aus einem Social-Media-Profil kann dafür reichen. Zugleich ist der Nachweis schwer: Hinterher lässt sich oft nicht belegen, ob tatsächlich eine geklonte Stimme im Spiel war – wie in einem vom SWR dokumentierten Fall aus Neuss, in dem eine angebliche „Mama, ich habe einen Unfall gebaut“-Stimme täuschend echt nach dem Sohn klang (siehe SWR-Recherche bei tagesschau.de). Das Dunkelfeld schätzt das BKA bei diesen Delikten auf über 50 Prozent – viele Opfer erstatten aus Scham keine Anzeige. Die Fall- und Schadenszahlen veröffentlichte die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf das BKA, etwa beim shz.de.
Anlagebetrug mit Promi-Deepfakes
Besonders viel Geld fließt in betrügerische Geldanlagen – häufig mit Deepfake-Werbung, in der Prominente angeblich für Kryptowährungen werben. Der Cybersicherheitsmonitor 2026 von BSI und Polizeilicher Kriminalprävention (Befragung Januar 2026, 3.060 Teilnehmende) nennt dazu konkrete Zahlen:
- 15 Prozent der Befragten haben bereits einmal in Kryptowährung investiert.
- Von ihnen ist fast ein Drittel (31 Prozent) in eine Anlage gestiegen, die sich später als Betrug herausstellte.
- Zwei Drittel dieser Betroffenen (64 Prozent) wurden über Werbung im Internet auf das Angebot aufmerksam.
Hochgerechnet haben damit rund 3 Prozent der Bevölkerung genau diese Kombination erlebt: eine Krypto-Investition über eine Internet-Werbeanzeige, die sich als Betrug entpuppte. Laut Monitor hält zudem gut die Hälfte der Bevölkerung (52 Prozent) Werbung mit KI-generierten Promi-Deepfakes für eine realistische Bedrohung – bei den über 49-Jährigen sind es 58 Prozent.
Wie gut erkennen wir KI-Fakes?
Dieselbe Erhebung zeigt eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität:
- 70 Prozent sind im Netz schon einmal KI-generierten Bildern oder Videos begegnet, weitere 17 Prozent hatten zumindest einen Verdacht. Nur 13 Prozent sagen, noch nie solchen Inhalten begegnet zu sein – bei den unter 30-Jährigen sind es 90 Prozent, bei den ab 50-Jährigen 58 Prozent.
- Nur 47 Prozent trauen sich zu, KI-generierte Inhalte sicher zu erkennen: Bei den unter 30-Jährigen sind es 73 Prozent, bei den ab 50-Jährigen nur 33 Prozent.
- 32 Prozent haben noch nie eine der elf abgefragten Prüfmaßnahmen angewendet – etwa das Suchen nach Unstimmigkeiten bei Händen oder Schatten, das Prüfen der Quelle oder eine Bilderrückwärtssuche. Keine einzige Maßnahme wurde bisher von mehr als der Hälfte genutzt.
Täter setzen KI aber nicht nur für Bilder ein: Laut BSI erzeugen sie damit auch professionell klingende Phishing-Mails – selbst ohne Sprachkenntnisse – und bestücken Online-Shops mit täuschend echten KI-Produktfotos. Noch weniger bewusst ist vielen, dass KI-Agenten selbst angreifbar sind: Nur 38 Prozent halten es für möglich, dass ein solcher Agent manipuliert wird – was dahintersteckt, erklären wir im Artikel KI-Agenten 2026: Was sie können und wo sie scheitern.
Eine Hilfe beim Einordnen kann die neue Kennzeichnungspflicht sein: Seit dem 2. August 2026 müssen KI-generierte Bilder, Videos und Audios nach dem EU AI Act gekennzeichnet werden – Details dazu im Artikel EU AI Act 2026: Die wichtigsten Fakten zur KI-Verordnung.
So schützt du dich vor KI-Betrug
Die wirksamsten Schutzmaßnahmen sind einfach und kosten nichts. Verbraucherschützer und Behörden raten zu einem Bündel klarer Regeln:
- Codewort vereinbaren: Ein geheimes Wort mit Familie und engen Freunden, das bei ungewöhnlichen Anrufen abgefragt wird.
- Rückruf unter bekannter Nummer: Bei Geldforderungen am Telefon immer selbst über die eingespeicherte Nummer zurückrufen – nicht die des Anrufers.
- Zweiter Kanal: Geldanweisungen, die per Anruf, Mail oder Chat angefragt werden, immer auf einem anderen Weg persönlich bestätigen lassen.
- Kein Zeitdruck: „Sofort zahlen, sonst droht Gefahr“ ist ein sicheres Warnsignal. Auflegen, durchatmen, mit Vertrauten sprechen.
- Praxistest bei Video-Calls: Bei Zweifeln das Gegenüber bitten, eine Hand vors Gesicht zu halten – an diesem Test scheitern viele Deepfake-Systeme.
- Sprachproben sparsam teilen: Je weniger eigene Sprachaufnahmen öffentlich verfügbar sind, desto schwerer fällt das Stimmenklonen.
- Anzeige erstatten: Beweise sichern (Screenshots, Rufnummern, Aufnahmen) und zur Polizei gehen – wegen des hohen Dunkelfelds hilft jede Anzeige bei der Täterverfolgung.
Quellen
- Bundeskriminalamt (BKA) – Pressemitteilung „Bundeslagebild Cybercrime 2025: Deutschland im Fokus von Cyberkriminellen“ (12.05.2026): https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2026/Presse2026/260512_PM_BLB_Cybercrime.html (abgerufen am 09.09.2026)
- BSI & ProPK – „Cybersicherheitsmonitor 2026, Kurzbericht: Online-Betrug und Künstliche Intelligenz“ (Befragung Januar 2026): https://www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/BSI/Digitalbarometer/CyMon-ProPK-BSI_2026_Kurzbericht_Online-Betrug-KI.pdf (abgerufen am 09.09.2026)
- shz.de (dpa) – „Schaden durch falsche Polizisten stark gestiegen“: https://www.shz.de/deutschland-welt/panorama/artikel/schaden-durch-falsche-polizisten-stark-gestiegen-51032998 (abgerufen am 09.09.2026)
- borncity.com – „Schockanrufe und Enkeltricks: BKA warnt vor KI-gestützten Betrügern“ (06.08.2026): https://borncity.com/news/schockanrufe-und-enkeltricks-bka-warnt-vor-ki-gestuetzten-betruegern/ (abgerufen am 09.09.2026)
- tagesschau.de / SWR – „Das Geschäft mit der geklonten Stimme“: https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/ki-kuenstliche-intelligenz-voice-cloning-100.html (abgerufen am 09.09.2026)
Stand: 09.09.2026