Verlieren Menschen durch KI ihre Jobs? Einen flächendeckenden Abbau belegen die Daten bislang nicht: Die Stanford-Studie „Canaries in the Coal Mine“ (August 2026) findet keine breite Verdrängung, aber 19 Prozent weniger Beschäftigung bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen. Die ILO zählt weltweit 24 Prozent der Jobs mit KI-Kontakt, in einkommensstarken Ländern 34 Prozent.
Wer über KI und Jobs diskutiert, trifft auf zwei sehr verschiedene Sorten von Zahlen: gemessene Beschäftigungseffekte aus Gehalts- und Arbeitsmarktdaten – und Modellrechnungen für die Zukunft. Dieser Artikel trennt beides, nennt zu jeder Zahl die Quelle und zeigt, wo die Datenlage eindeutig ist und wo nicht.
KI und Jobs in Zahlen: Der Überblick
- 24 Prozent der weltweiten Beschäftigung entfallen auf Berufe mit messbarer KI-Exposition, in einkommensstarken Ländern sind es 34 Prozent (ILO, Working Paper 140, 2025).
- 19 Prozent unter dem erwarteten Niveau liegt die Beschäftigung 22- bis 25-Jähriger in KI-exponierten US-Berufen – bei älteren Beschäftigten gibt es diesen Abstand nicht (Stanford Digital Economy Lab, Revision vom 12.08.2026).
- 170 Millionen neue Stellen und 92 Millionen verdrängte Stellen bis 2030 erwartet das Weltwirtschaftsforum – netto also +78 Millionen (Future of Jobs Report 2025).
- +0,8 Prozentpunkte höheres Wirtschaftswachstum pro Jahr und 4,5 Billionen Euro zusätzliche Wertschöpfung über 15 Jahre hält das IAB-Szenario für möglich (IAB-Forschungsbericht 23/2025).
- 1,6 Millionen Arbeitsplätze sind in diesem Szenario langfristig vom Strukturwandel betroffen – sie werden also entweder neu auf- oder abgebaut (IAB).
USA: Stanford findet eine 19-Prozent-Lücke bei jungen Beschäftigten
Die belastbarsten Zahlen zur aktuellen Lage kommen aus den USA. Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen werten am Stanford Digital Economy Lab anonymisierte Gehaltsdaten des Abrechnungsdienstleisters ADP aus – Daten bis Juni 2026. Ihr Befund: Einen flächendeckenden Jobabbau durch KI sieht man in den Zahlen nicht. Was man sieht, ist eine Verschiebung bei Berufseinsteigern.
In den am stärksten KI-exponierten Berufen liegt die Beschäftigung 22- bis 25-Jähriger inzwischen 19 Prozent unter dem Niveau, das sie erreicht hätte, wenn sie mit der Entwicklung weniger exponierter Berufe Schritt gehalten hätte. In der Vorjahresversion der Stanford-Studie lag diese Lücke bei 13 Prozent – sie wächst also. Erfahrene Beschäftigte zeigen keinen vergleichbaren Abstand.
Entscheidend ist der Mechanismus: Die Differenz entsteht vor allem durch weniger Neueinstellungen, nicht durch mehr Kündigungen. Und sie konzentriert sich auf Berufe, in denen KI Aufgaben ersetzt statt Beschäftigte zu unterstützen. Die Auswertung der US-Nachrichtenseite Ars Technica zur August-Version nennt konkrete Größenordnungen: In den 40 Prozent der Berufe mit der stärksten KI-Betroffenheit sank die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit 2022 um rund 11 Prozent – in den am wenigsten betroffenen 60 Prozent der Berufe wuchs sie im selben Zeitraum um 10 Prozent.
ILO: Ein Viertel der Jobs weltweit hat KI-Kontakt – aber Ersetzen ist nicht dasselbe wie Berühren
Die Internationale Arbeitsorganisation hat in ihrem Working Paper 140 (2025) ihren globalen Index zur KI-Exposition überarbeitet. Ergebnis: Etwa ein Viertel aller Jobs weltweit (24 Prozent) hat Kontakt mit generativer KI – in einkommensstarken Ländern sind es 34 Prozent, in einkommensschwachen nur 11 Prozent.
- Von 112 als exponiert identifizierten Berufen landen 13 in der höchsten Expositionsstufe – überwiegend Büro- und Verwaltungsberufe wie Datenerfassung, Schreibkräfte, Buchhaltung und allgemeine Bürotätigkeiten.
- Die ILO betont ausdrücklich: Exposition bedeutet nicht, dass ein Beruf verschwindet, sondern nur, dass ein großer Teil seiner heutigen Aufgaben mit KI erledigt werden könnte.
- Deutlich ist ein Geschlechtergefälle: In reichen Ländern sind 41 Prozent der weiblichen, aber nur 28 Prozent der männlichen Beschäftigung exponiert; im Bereich mit hohem Automatisierungspotenzial stehen 9,6 zu 3,5 Prozent.
- Auffällig: Die ILO hat ihre Werte gegenüber 2023 nach unten korrigiert – zwei Jahre Praxis mit den Werkzeugen haben den Optimismus bei der Vollautomatisierung gedämpft.
WEF-Prognose bis 2030: netto 78 Millionen zusätzliche Stellen
Der Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums ist keine Messung, sondern eine Prognose: Er erwartet bis 2030 eine Umbruchquote von 22 Prozent der Stellen – 170 Millionen neue Rollen und 92 Millionen verdrängte, was unter dem Strich ein Plus von 78 Millionen ergibt.
Diese Zahl wird oft als Beweis dafür zitiert, dass KI unterm Strich Jobs schafft. Genau so sollte man sie nicht lesen: Die Prognose beschreibt Umschichtungen – neue Stellen entstehen in anderen Berufen, Branchen und Regionen als die, die wegfallen. Für einzelne Menschen bedeutet das einen Wechsel, nicht nur eine Zahl. Wie verbreitet KI in der Praxis bereits genutzt wird, zeigt der Vergleich mit Unternehmensdaten: Laut unserem Artikel KI in Unternehmen 2026 setzen in Deutschland inzwischen 41 Prozent der Betriebe auf KI.
Deutschland: Was das IAB für den Arbeitsmarkt erwartet
Für Deutschland gibt es keine vergleichbare Gehaltsdatenanalyse, aber eine Szenarioanalyse: Der IAB-Forschungsbericht 23/2025 rechnet über 15 Jahre zwei Welten gegeneinander – mit und ohne starke KI-Integration.
- Im KI-Szenario wächst die Wirtschaft pro Jahr um durchschnittlich 0,8 Prozentpunkte stärker, kumuliert 4,5 Billionen Euro mehr Wertschöpfung.
- Die Zahl der Arbeitsplätze liegt nach 15 Jahren etwa auf dem Niveau ohne KI – aber anders verteilt.
- Die Kurve ist nicht geradlinig: Im ersten Jahr erwarten die Forschenden im Saldo knapp 50.000 Arbeitskräfte mehr (Rechenzentren, Aufbau), im fünften Jahr fast 100.000 weniger, im zehnten Jahr rund 80.000 weniger als im Referenz-Szenario.
- Betroffen sind laut Szenario mittelfristig vor allem Spezialisten, langfristig Experten – Hilfs-, Anlern- und Fachkräfte weniger. Wer also glaubt, KI träfe nur einfache Tätigkeiten, liegt nach diesen Modellrechnungen falsch.
- Zugewinne sieht das Szenario ausgerechnet bei IT- und Informationsdienstleistern, die stärksten Rückgänge bei Unternehmensdienstleistern.
Wichtig zur Einordnung: Das sind Annahmen, keine Vorhersagen. Das Ausmaß hängt stark davon ab, wie viel Infrastruktur gebaut wird und wie schnell Betriebe tatsächlich umstellen.
Automatisieren oder ergänzen? Der Unterschied, der zählt
Alle drei Datenquellen laufen auf denselben Punkt zu: Nicht die KI-Exposition eines Berufs entscheidet über Jobs, sondern die Art der Nutzung. Stanford kombiniert seine Expositions-Maße mit dem Anthropic Economic Index, der zwischen ersetzender und unterstützender Nutzung unterscheidet.
- Berufe mit überwiegend ersetzender Nutzung – etwa Buchhaltung, Rezeption, Sachbearbeitung – zeigen die stärksten Rückgänge bei Berufseinsteigern.
- Berufe mit überwiegend ergänzender Nutzung – etwa Pflege oder Geschäftsführung – zeigen stabile oder steigende Beschäftigung.
- Das erklärt auch, warum KI-Agenten den Effekt verstärken: Sie übernehmen ganze Aufgabenketten statt einzelner Textbausteine, wie wir in KI-Agenten 2026 beschreiben.
Was das für dich konkret bedeutet
- Aufgaben prüfen, nicht Jobtitel: Die Frage ist nicht, ob dein Beruf exponiert ist, sondern welche deiner Aufgaben ein Werkzeug heute schon vollständig übernehmen kann.
- Als Berufseinsteiger früh zeigen, dass du schneller arbeitest: Der Einbruch findet beim Einstieg statt – wer das Werkzeug beherrscht, ist in der Bewerbung im Vorteil.
- Quellen sortieren: Gemessene Daten (Stanford, ILO, Destatis) und Modellrechnungen (WEF, IAB) sagen unterschiedliche Dinge – beide sind nützlich, aber nicht austauschbar.
- Deutschland-Basiswert: 2025 waren rund 46,0 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig – 5.000 weniger als im Vorjahr, der erste Rückgang seit 2020 (Statistisches Bundesamt, 02.01.2026). KI ist dabei nur ein Faktor unter mehreren; die Konjunktur wiegt derzeit schwerer.
- Ergänzen statt ersetzen: Wo KI unterstützt, bleibt Beschäftigung stabil – dort lohnt es sich, die Zusammenarbeit mit dem Werkzeug zu lernen.
Quellen
- Stanford Digital Economy Lab – Brynjolfsson, Chandar, Chen: „Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence“ (Revision 12.08.2026, ADP-Daten bis Juni 2026): https://digitaleconomy.stanford.edu/publication/canaries-in-the-coal-mine-six-facts-about-the-recent-employment-effects-of-artificial-intelligence/ (abgerufen am 11.09.2026)
- Ars Technica – „AI is hitting entry-level jobs hardest, Stanford study finds“ (24.08.2026): https://arstechnica.com/ai/2026/08/ai-is-hitting-entry-level-jobs-hardest-stanford-study-finds/ (abgerufen am 11.09.2026)
- Internationale Arbeitsorganisation (ILO) – „Generative AI and Jobs: A Refined Global Index of Occupational Exposure“, ILO Working Paper 140 (2025): https://www.ilo.org/sites/default/files/2025-05/WP140_web.pdf (abgerufen am 11.09.2026)
- Weltwirtschaftsforum (WEF) – „Future of Jobs Report 2025: 78 Million New Job Opportunities by 2030“ (Pressemitteilung, Januar 2025): https://www.weforum.org/press/2025/01/future-of-jobs-report-2025-78-million-new-job-opportunities-by-2030-but-urgent-upskilling-needed-to-prepare-workforces/ (abgerufen am 11.09.2026)
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) – Zika u. a.: „Künstliche Intelligenz: Potenzielle Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt“, IAB-Forschungsbericht 23/2025: https://doku.iab.de/forschungsbericht/2025/fb2325.pdf (abgerufen am 11.09.2026)
- Statistisches Bundesamt (Destatis) – „Erwerbstätigenzahl im Jahr 2025 fast unverändert“, Pressemitteilung Nr. 001 vom 02.01.2026: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_001_13321.html (abgerufen am 11.09.2026)
Stand: 11.09.2026